Dienstag, 5. Juni 2012

Am Tag danch...

Ein Gefühl der Einsamkeit machte sich breit, als ich zum Ende des Parteitages in mein Hotelzimmer zurückkam. Nach 36 Stunden intensivster Arbeit mit knapp eintausend Delegierten und Gästen des Bundesparteitages der LINKEN herrschte plötzlich wieder Ruhe. In minutenschnelle leerte sich die Halle, während die Crew schon die Bühne zerlegte, um die Halle wieder in den leeren Ursprungszustand zurückzuversetzen. Noch wenige Stunden, und in Göttingen ward nichts mehr gesehen vom großen Ereignis, so voll mit Dramen und Emotionen.

Ich für mich kann sagen, dieser Parteitag war in seiner Form eine neue Erfahrung für mich, der intensivste der zehn oder zwölf, die ich erlebt habe. Die letzten Wochen und Monate haben ihre Spuren hinterlassen. Verletzungen, Zweifel, aber auch ein neues Selbstbewusstsein und die Gewissheit, nicht alleine streiten zu müssen, sind Dinge, die bleiben.


Nicht nur, aber in besonderem Maße ist dies Dietmar Bartsch zu verdanken. Mit seiner frühzeitig angekündigten Kandidatur hat er Probleme der Partei offengelegt und eine Debatte angestoßen, die von immer mehr GenossInnen aufgenommen und weiter geführt wurde. Eine Debatte um die Kultur und den Umgang unter uns, zwischen uns als Genossinnen und Genossen einer Partei. Dietmar selbst ist in den vergangenen 8 Monaten über sich selbst hinaus gewachsen. Er hat sich nicht hinreißen lassen, zu den selben taktischen Gemeinheiten zu greifen wie seine Gegner. Er hat mit Leidenschaft und großer Entschlossenheit gekämpft, sich von Auftritt zu Auftritt gesteigert und so die Gefühle und Positionen eines großen Teils der Partei mit zum Ausdruck gebracht. Er mag die Abstimmung auf dem Parteitag verloren haben, die Punkte seiner Agenda sind jedoch gesetzt. Mit seinem Engagement hat sich schon heute für einen zentralen Platz im kommenden Bundestagswahlkampf empfohlen. Auch von dieser Stelle also ein Dank an Dietmar.

Der Parteitag hat in weiten Teilen bestätigt, was viele von uns im Vorfeld kritisiert und gefordert hatten. Die Partei braucht eine Fusion 2.0, eine Neuaufstellung unter Einschluss aller relevanten Teile der Partei. Und nicht zuletzt ein offenere, solidarischere und demokratischere Parteikultur. Die Zeit alles überstrahlender Führungsfiguren ist endgültig vorbei, sie passen nicht in eine offene, transparente und mehr politische Beteiligung fordernde Partei noch Gesellschaft. DIE LINKE scheint dies aufgenommen zu haben, zumindest kann so die Zusammensetzen des neuen Vorstandes verstanden werden. Er ist, trotz oder vielleicht auch gerade wegen der Niederlage Dietmars, ausgewogen und mit deutlich mehr Representanten eines neuen Politikstils besetzt. Das gibt Raum zur Hoffnung nach den Wochen und Monaten der Ratlosigkeit und Verzweiflung.

Wir alle sind nun gefordert, diesem Vorstand eine Chance zu geben. Mit dem alternativen Leitantrag ist eine Debatte begonnen worden, die nicht mit der Übernahme eines Teils des Textes beendet sein darf. Unterstützen wir den Vorstand beim Start in seine Arbeit mit einer Portion Vertrauensvorschuss. Bieten wir unsere Hilfe an, nennen wir unsere Anforderungen und bringen wir uns in die Debatten ein. Denn: Wir alle sind DIE LINKE. Insbesondere das Treffen jener, die den gleichnamigen Aufruf gestartet und unterzeichnet haben hat Mut gemacht. Der Bedarf für eine erneuerte LINKE, an Debatten um Strategien und Inhalte ist groß. Wann wenn nicht jetzt, wer wenn nicht wir - das habe ich im Rahmen meiner Bewerbung für den Parteivorstand gefragt. Heute steht dahinter kein Fragezeichen mehr. Mit dem Parteitag in Göttingen ist daraus ein mehrfaches Ausrufezeichen geworden.

Für mich persönlich war dieser Parteitag auch eine Zeit neuer Erkenntnisse. Lange, sehr lange schon behaupte ich, Parteien sind nur Mittel zum Zweck. Seit Göttingen weiß ich: Es ist mehr. Es ist auch ein Stück Familie, eine Ansammlung von Freunden und Menschen, bei denen man sich zuhause fühlt und man selbst sein darf.

Ich habe mich gern in diesen Parteitag eingebracht. Mit etwas mehr als 30 Prozent der Stimmen bin ich zwar nicht in den Vorstand gewählt, mein Angebot aber von einer großen Anzahl der Delegierten für wichtig und richtig befunden worden. Allen Unterstützerinnen und Unterstützern gilt mein Dank und das Versprechen: Ich werde mich weiter einbringen, nicht locker lassen für mehr europäisches Engagement der Linken, mehr Offenheit und radikal-reformerische Positionen zu werben.

Francisco Lousa, der Vorsitzende des Bloco Esquerda in Portugal, hat es in seinem Grußwort auf den Punkt gebracht: "Daher ist dies auch eine Zeit für Identität, für Offenheit und Mut. Mut ist unsere Identität, so wie Sozialismus unser Programm ist. [...] Die Arbeiterbewegung, Wirtschaftsdemokratie und soziale Verantwortung sind die Stimmen des Sozialismus." In diesem Sinne wird es darum gehen, Europa, die EU sowohl zu kritisieren als auch zu gestalten. Ein erstes konkretes inhaltliches Angebot in Sachen Europa werden der Berliner Bundestagsabgeordnete Stefan Liebich, das neu gewählte Parteivorstandsmitglied Dominic Heilig und ich Euch schon in Kürze vorstellen.

Man darf also gespannt bleiben. Und Politik darf nicht nur, sie muss glitzern. Was denn sonst?
Kommentar veröffentlichen