Sonntag, 13. April 2014

Wie hältst du es mit Prostitution?

Folgende Anfrage hatte ich heute in meinem elektronischen Briefkasten. Da ich die Frage ziemlich spannend und quer zu allen üblichen Linien der Auseinandersetzung innerhalb meiner Partei finde, möchte ich sie euch nicht vorenthalten. Meine Antwort folgt dann hier im Post, bis dahin könnt ihr ja schonmal über eure Position dazu nachdenken:

"Liebe Genossinnen und Genossen,
ihr habt eure Kandidatur für den Parteivorstand bekannt gegeben, deshalb möchten wir euch gerne zu eurer Haltung zum Thema Prostitution befragen. Dieses Thema liegt uns, wie vielen anderen Genossinnen und Genossen derzeit stark am Herzen.

LISA Wiesbaden sieht sich in der Tradition der abolitionistischen Bewegung, die sich bereits um 1880 in Deutschland zum Ziel gesetzt hat Prostituierte zu dekriminalisieren und entstigmatisieren, stattdessen die Nachfrageseite in den Blick zu nehmen, und eine Gesellschaft ohne Prostitution zu schaffen. Die Sozialistin Gertrude Guillaume-Schack (Zweite Internationale und Socialist League) war die Erste die in Deutschland dazu öffentlich die Stimme erhob und deren Gründung von Unterstützungsangeboten für Betroffene als Vorbild galt.
Unsere Positionierung als LISA Wiesbaden findet sich hier:http://frauensindkeineware.blogspot.de/p/position.html
Wir haben als Gruppe auch den "Brussels Call for an Europe free from prostitution" der European Womens Lobby (EWL) unterzeichnet und sind stark international vernetzt mit Expert_innen aus diesem Gebiet (aus Beratungspraxis, Wissenschaft, Justiz, Polizei - und vor allem mit Betroffenen).
Wir würden uns ein Feedback zu dieser Positionierung wünschen und bitten des Weiteren um Beantwortung folgender Fragen:
1) Ist für dich Prostitution ein "Beruf wie jeder andere"? Und wie begründest du diese Positionierung?
2) Ist eine Gesellschaft ohne Prostitution für dich ein erstrebenswertes Ziel?
3) Wie stehst du zu einem "Sexkaufverbot" nach schwedischem Modell (Entkriminalisierung der prostituierten Personen, Kriminalisierung der Freier, finanziell gut ausgestattete Unterstützungsangebote für beide Seiten, antisexistische Erziehung in allen Bildungsstufen, ...)? (Mehr Hintergründe: http://frauensindkeineware.blogspot.de/2013/11/das-nordische-modell.html)
4) Unterstützt du den Antrag P1 des Kreisverbands Wiesbaden an den Parteitag (siehe Anlage) mit deinem Namen und, solltest du in den Parteivorstand gewählt werden, in seiner Zielsetzung zur Führung einer ausgewogenen Debatte und basisdemokratischen Findung einer Parteiposition? Wenn nein, warum nicht?
Gerne möchten wir deine Antwort auch anderen Genoss_innen als Hilfe für ihre Wahlentscheidung zur Verfügung stellen.
Wir bitten deshalb möglichst um Beantwortung bis zum 1. Mai 2014.
V, W, X, Y und Z für LISA Wiesbaden"

So, und ein paar Stunden später hier nun meine Antwort:

Puh. Und dann steht man da und weiss nicht so recht, was man antworten soll. Wer befasst sich schon regelmässig mit Prostitution? Beim Lesen der Position in dem in der Email genannten Blog sind mir jedoch sofort ein paar Sachen aufgefallen, die mir deutlich signalisierten, dass ich meine Schwierigkeit damit haben würde. Meiner Meinung nach zuviel schwarz und weiss, Verurteilungen und Widersprüche. 

SexarbeiterInnen (oder Prostituierte) sollen in politische Prozesse einbezogen werden, aber den bestehenden Vereinen und Verbänden wird kurzerhand abgesprochen, dies tun zu können. Selbstverwaltete Bordelle werden negiert, um Absätze später einer Vertreterin eines Weltverbandes vorzuwerfen, in der Leitung eines Escort-Services mitzuarbeiten. Kriminalisierung von SexarbeiterInnen wird abgelehnt und ein entstigmatisiertes Umfeld gefordert, um kaum später die Sexarbeit als generell nicht selbstbestimmt und unfrei darzustellen und genau jenes stigmatisierte Umfeld durch Kriminalisierung der Freier zu schaffen. Ja, was denn nun? Ich bin eher etwas verwirrt.

Vieles dessen, was im Allgemeinen “der Prostitution” zugeschrieben wird, also Menschenhandel, Freiheitsberaubung, Vergewaltigung, sexueller Missbrauch bis hin zur sexuellen Belästigung, sind strafbare Handlungen und gehören nach allen Massgaben verfolgt. Schon damit sind Behörden heute oft überfordert. Noch viel zu oft wird den Opfern von sexuellen Straftaten eine Mitschuld zugewiesen, noch viel zu oft behandeln Strafverfolgungsbehörden Opfer von Verschleppung und Missbrauch selbst als Straftäter, namentlich in Bezug auf Visa-Vergehen und “Asylmissbrauch”. Schon hier wäre genug Handlungsspielraum, der deutliche Verbesserungen in diesem Bereich ermöglichen würde. Erst rigide Einreisebestimmungen und Asylgesetze machen ein Umfeld möglich, in dem Menschen in dieser Form erpresst und unterdrückt werden können. Solange Frauen als Opfern von Gewalt und Verschleppung in diesem Bereich auch nach einer Aussage ggü. den Strafverfolgungs-Behörden die Abschiebung winkt haben diese die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Politik und Gesellschaft müssen die soziale Situation der Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, thematisieren. Ohne mich näher mit den verschiedenen Statistiken beschäftigt zu haben kann ich mir vorstellen, dass die meisten der im Prostitutionsbereich arbeitenden Menschen selbstverständlich lieber einer “normalen” Arbeit nachgehen würden, dies aber aus verschiedentlichen Gründen nicht können. Dies sollte eine reiche Gesellschaft wie die unsere hellhörig werden lassen und letztlich ermöglichen. Tut sie aber nicht. Hier muss man ansetzen. 

Letztlich würde ich den Bereich Sexindustrie nicht gleichsetzen mit Prostitution. Ja, die Sexindustrie ist weithin sexistisch, stellt nur allzu oft Frauen, (gern allerdings auch Männer) als Objekte und Waren dar. Doch wie die Gesellschaft ändert sich auch der Blick auf und der Konsum in der Sexindustrie und von z.B. Pornografie. Es gibt für meine Begriffe zu viele Facetten in der Sexualität, auch in der entsprechenden Industrie, um sie derart pauschal wie in dem in der Frage genannten Artikel abzuurteilen. Was ist mit den ganzen Sex-Spielzeugen, mit denen Paare heute ihr Sexleben verbessern? Was ist mit nicht ganz so “normalen” Spielarten? Wie passen BDSM Clubs und Domina in dieses Raster von gut und böse? Was ist mit freier Entfaltung und sexueller Emanzipation, dem Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper? Helfen in diesem sensiblen, weil grundmenschlichen Bereich Verteufelungen und Verbote? Ich habe hier zumindest mehr Fragen als mir dieser Artikel, Position genannt, ausreichende Antworten zu geben vermag.

Ja, es handelt sich bei der Geschichte der Prostitution um eine Geschichte patriarchaler und kapitalistischer Ausbeutung. Auch. Es handelte sich allerdings immer auch um eine Geschichte der Emanzipation. Und mit der Gesellschaft ändert sich natürlich auch die Sexindustrie und die Prostitution. Heute gibt es (auch) den Escort-Service für die Frau, vom Mann für den Mann, und für allerlei Spielereien dazwischen und darüber hinaus. Es gibt gar Agenturen, die sexuelle Dienstleistungen für Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen anbieten. Ich will dies alles nicht so pauschal ab- oder gar verurteilen.

Insofern: Nein, ich teile “die Position” nicht, dieses Feld scheint mir zu vielschichtig, um es so oberflächlich und einseitig abzuarbeiten wie in diesem Statement. Wenn man es auf einen einfachen Satz bringen will, und dass muss Politik ja können: 

Es gibt 'gute', weil selbstbestimmte und 'schlechte', weil fremdbestimmte Prostitution. Ich will nur die 'gute'. Es gibt unterdrückende und emanzipierte Sexualität. Ich will die emanzipierte. Dies gilt dann auch für die entsprechende Industrie.

Ich will natürlich noch versuchen, die vier in der Anfrage angefügten Fragen zu beantworten:

Ist für dich Prostitution ein "Beruf wie jeder andere"? Und wie begründest du diese Positionierung? Ja und Nein. Ja, wenn man sie als patriarchales kapitalistisches Ausbeutungsverhältnis betrachtet. Nein, wenn man den im Unterschied zu anderen “normalen” Tätigkeiten drastisch bestehenden Anteil an Gewalt, Erniedrigung und Zwang vor allem in Bezug auf in dieser Tätigkeit arbeitenden Frauen sieht. 
 
Ist eine Gesellschaft ohne Prostitution für dich ein erstrebenswertes Ziel? 
Je nach dem wie weit man den Begriff fasst. Eine Gesellschaft ohne Unterdrückung, Zwang und Gewalt ggü Frauen (und Männern) ist für mich ein erstrebenswertes Ziel. Eine Gesellschaft ohne sozialen und ökonomischen Zwang ist für mich auch ein erstrebenswertes Ziel. Mit beidem hat Prostitution zu tun, beides ist nicht auf diese beschränkt. Prostitution ohne all dies halte ich allerdings (und ob der genannten bestehenden Vielfältigkeit) für legitim. 
 
Wie stehst du zu einem "Sexkaufverbot" nach schwedischem Modell (Entkriminalisierung der prostituierten Personen, Kriminalisierung der Freier, finanziell gut ausgestattete Unterstützungsangebote für beide Seiten, antisexistische Erziehung in allen Bildungsstufen, …) 
Die meisten in der Klammer angeführten Forderungen kann ich ohne Wenn und Aber unterstützen, die Kriminalisierung der Freier und damit ein “Sexkaufverbot” nicht. Weil dies wie bei allen Kriminalisierungen dazu führt, dass sich der inkriminierte Akt aus dem Sichtbaren ins Unsichtbare verlagert. Zumal der Akt an sich ja gar nicht kriminalisiert werden soll, sondern Begleitumstände, die in den meisten Fällen schon kriminalisiert sind. Die Ursachen für die ökonomische Verwertung von Ausbeutung und Zwang müssen beseitigt werden, solange dies nicht geschieht finden insbesondere die kriminellen Geschäftemacher immer einen Weg, ihren Profit zu machen. Dies sollte die Geschichte der Prohibition unmissverständlich verdeutlicht haben. 

Unterstützt du den Antrag P1 des Kreisverbands Wiesbaden an den Parteitag (siehe Anlage) mit deinem Namen und, solltest du in den Parteivorstand gewählt werden, in seiner Zielsetzung zur Führung einer ausgewogenen Debatte und basisdemokratischen Findung einer Parteiposition? Wenn nein, warum nicht?
Ich unterstütze das Anliegen und finde, wenn das Frauenplenum dies so gefordert hat sollte dem erst recht entsprochen werden. Dazu gibt es das Frauenplenum ja. Ausgewogen sollte die Debatte, wie jede, sein. Und basisdemokratisch sollten Entscheidungen eines Parteitages per se schon sein, denn dort sitzen die Delegierten der Kreisverbände, also unserer Basis. 

Und ganz ohne die dazugehörige Frage: Politik in diesem Bereich sollte sich hüten, Vorschläge und Regelungen an den Betroffenen vorbei zu machen. Nur mit ihnen kann sinnvoll Kriminellen das Handwerk gelegt und ein sinnvoller Beitrag zur Emanzipation geleistet werden. Betroffene brauchen Unterstützung, sozial, psychologisch, finanziell. Im Bereich der Frauenhäuser wird massiv gekürzt, im Bereich Beratung gestrichen und ganz allgemein die Regeln für den Hilfebezug durch den Staat verschärft. Hier muss linke Politik ansetzen. Erst wenn Menschen aus Drittstaaten sich vertrauensvoll an Behörden wenden können, ohne Angst vor Abschiebung, werden Opfer sich auch in die Obhut von Behörden begeben. Erst wenn Opfer sexueller Gewalt sich nicht mehr für die Taten ihrer Peiniger rechtfertigen müssen werden Anzeigen und Verurteilungen ebenjenen das Handwerk legen. Hier liegt noch vieles im Argen. Viele Ansätze, die Erfolge versprächen sind in den vergangenen Jahren nicht verfolgt worden. Mit der Legalisierung 2002 sind eben nicht Beratungsangebote und Hilfestellungen verbessert worden. Auch die soziale Lage hat sich für derart prekär Beschäftigte seitdem massiv verschlechtert. Dies alles zu ändern scheint mir Aufgabe genug. Einen weiteren grau/scharzen Markt durch Kriminalisierung der Freier braucht dabei kein Mensch.


Weiterführend lesen kann man u.a. bei maedchenmannschaft.net ...



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